KI-Workflows im Mittelstand: Was ist das, wie sieht einer aus?
Ein KI-Workflow ist ein fest beschriebener Arbeitsablauf, in dem KI einzelne Schritte übernimmt und ein Mensch an festgelegten Stellen prüft. Was das heißt, wie ein solcher Ablauf im Betrieb aussieht, worin er sich von einem KI-Agenten unterscheidet und wo Sie anfangen.
Die kurze Antwort: Ein KI-Workflow ist ein fest beschriebener Arbeitsablauf, in dem ein KI-Modell einzelne Schritte übernimmt, etwa eine E-Mail lesen, einen Beleg einordnen oder eine Antwort entwerfen, während ein Mensch an festgelegten Stellen prüft. Im Mittelstand beginnt so ein Ablauf meist dort, wo täglich dieselbe Art von Eingang ankommt und heute jemand von Hand liest, sucht und abtippt.
Zwei Fragen hören wir immer wieder: „Was ist eigentlich ein KI-Workflow?“ und „Wo fangen wir an?“ Dieser Beitrag beantwortet erst die erste, mit einem Beispiel, und dann die zweite.
Was ist ein KI-Workflow?
Ein KI-Ablauf hat drei Bestandteile:
- Ein fester Weg. Was kommt herein, was passiert in welcher Reihenfolge, was kommt heraus. Der Weg ist vorher beschrieben und ändert sich nicht von Fall zu Fall.
- KI an einzelnen Stellen. Das Modell übernimmt die Schritte, für die man bisher einen Menschen zum Lesen und Verstehen brauchte: eine E-Mail einordnen, Angaben aus einem PDF ziehen, ein Foto auswerten, einen Antwortentwurf schreiben.
- Prüfstellen für Menschen. An festgelegten Punkten entscheidet ein Mitarbeiter, zum Beispiel vor dem Versand an einen Kunden oder immer dann, wenn die KI unsicher ist.
Der Unterschied zu einer klassischen Wenn-dann-Regel liegt im zweiten Punkt: Eine Regel braucht saubere, gleich aufgebaute Daten. Ein KI-Ablauf kann auch mit dem umgehen, was im Alltag tatsächlich ankommt, also Freitext, eingescannte Dokumente und Fotos.
Wie sieht ein KI-Workflow im Betrieb konkret aus?
Ein Beispiel aus unserer Arbeit. Ein Online-Händler für Ersatzteile von Gartengeräten bekommt täglich Anfragen, in denen Kunden ein Foto vom Typenschild schicken und nach einem Teil fragen. Bevor jemand antworten kann, muss er das Gerät bestimmen und beim Hersteller die passende Zeichnung finden. So sieht der Ablauf heute aus:
| Schritt | Wer | Was passiert |
|---|---|---|
| 1. Eingang | Mitarbeiter | Das Kundenfoto vom Typenschild wird übergeben |
| 2. Lesen | KI | Ein Bildmodell liest Hersteller und die relevanten Nummern, auch schräg oder verschmutzt |
| 3. Nachschlagen | Ablauf | Aus Hersteller und Nummer entsteht der Link zur passenden Katalogseite oder Explosionszeichnung |
| 4. Entscheidung | Mitarbeiter | Er wählt das richtige Teil aus der Zeichnung und antwortet dem Kunden |
Die Auswahl des Teils bleibt bewusst beim Menschen, weil Lieferanten Teile uneinheitlich bezeichnen und ein falsches Teil teurer ist als eine kurze Prüfung. Die KI nimmt die Suche ab, nicht die Verantwortung. Wie viel Zeit das spart, beschreibt der Kunde selbst:
„Vorher waren das ein paar Minuten pro Suche. Bei 60 Anfragen am Tag waren das mehrere Stunden, jeden Tag, nur um das richtige Ersatzteil zu finden. Diese Zeit ist mit ID-Scout praktisch weg.“
Enrico Brauer, Ersatzteil-Shop24
Dasselbe Muster findet sich in Betrieben mit 50 bis 500 Mitarbeitenden überall dort, wo Eingänge gelesen und zugeordnet werden: Rechnungen im Postfach der Buchhaltung, Bestellungen als PDF im Vertriebsinnendienst, Lieferscheine im Lager.
Das deckt sich mit dem, was die KfW im Mittelstand misst. Zwischen 2022 und 2024 setzten 20 Prozent der mittelständischen Unternehmen KI ein, bei mehr als 50 Beschäftigten waren es 36 Prozent (KfW Research, Februar 2026). Die häufigsten Anwendungen sind die Erzeugung von Text (14 Prozent) und die Texterkennung (10 Prozent), anspruchsvolle Datenanalyse dagegen nur 3 Prozent (KfW Research, Juli 2026). Lesen und Entwerfen sind also genau die Schritte, die in einem KI-Workflow die KI übernimmt. Weitere Beispiele stehen in 5 Prozesse, die KMUs heute noch manuell erledigen und im Beitrag KI im Großhandel: Vom Angebot bis zur Nachbestellung.
Worin unterscheidet er sich von festen Regeln und von einem KI-Agenten?
| Feste Regel | KI-Ablauf | KI-Agent | |
|---|---|---|---|
| Weg | Vorgegeben | Vorgegeben | Wählt er selbst |
| Eingaben | Strukturierte Daten | Auch Freitext, PDFs, Fotos | Auch Freitext, PDFs, Fotos |
| Wer entscheidet | Die Regel | Regeln plus Mensch an Prüfstellen | Der Agent, mit Freigaben |
| Prüfbarkeit | Hoch | Hoch | Aufwendiger |
Ein KI-Agent bekommt ein Ziel und entscheidet selbst, welche Schritte und Werkzeuge er nutzt. Das ist mächtiger, aber schwerer zu prüfen und zu verantworten. Für ein erstes Vorhaben ist der feste Ablauf in den meisten Fällen die bessere Wahl.
Dieselbe Trennung zieht Anthropic, der Hersteller des KI-Modells Claude. Workflows sind dort Systeme, in denen Modell und Werkzeuge über vorher festgelegte Wege laufen; Agenten steuern ihr Vorgehen und ihre Werkzeuge selbst. Die Empfehlung lautet, mit der einfachsten Lösung zu beginnen und Komplexität erst dann zu erhöhen, wenn sie das Ergebnis nachweislich verbessert (Anthropic, „Building effective agents“, Dezember 2024). Was Agenten heute leisten und wo sie sinnvoll sind, steht in Von KI-Workflows zu KI-Agenten und in KI-Agenten in der Praxis.
Welche Abläufe eignen sich zuerst?
Drei Fragen helfen bei der Einschätzung:
- Folgt der Ablauf einem erkennbaren Muster, oder ist jeder Fall eine Sonderentscheidung?
- Gibt es eine klare Definition, wann das Ergebnis „gut“ ist?
- Lassen sich die nötigen Daten zugänglich machen?
Abläufe, die wiederkehrend, datenbasiert und klar definiert sind, eignen sich am besten. Abläufe, die viel Erfahrungsurteil erfordern, werden aufwendiger und teurer. Klassische Kandidaten:
- Eingehende E-Mails vorsortieren und an die richtige Stelle geben
- Belege und Rechnungen erfassen und zuordnen
- Daten zwischen Systemen übertragen, die nicht miteinander verbunden sind
- Berichte zusammenführen, die immer aus denselben Quellen kommen
- Angebote nach ähnlichem Schema vorbereiten
Wo fangen Sie an, wenn alles wichtig klingt?
Wer fragt, wo er anfangen soll, hat meist keinen Mangel an Ideen. Es fehlt eine Reihenfolge. Drei Schritte schaffen sie, ohne Technikvorwissen.
1. Wiederkehrendes sichtbar machen
Schauen Sie sich eine typische Arbeitswoche an, nicht die Ausnahmen, sondern das Normale. Welche Aufgaben wiederholen sich täglich oder wöchentlich? Schreiben Sie diese Liste, ohne Wertung.
Ein Hinweis an dieser Stelle: Wer KI auf einen ungeordneten Ablauf setzt, beschleunigt das Chaos. Deshalb steht am Anfang Klarheit über den Ablauf, erst danach kommt die Technik.
2. Stunden schätzen, nicht träumen
Für jeden Punkt auf der Liste: Wie viele Stunden pro Woche kostet das Ihr Team zusammengerechnet? Eine ehrliche Schätzung reicht.
Eine Beispielrechnung: Drei Mitarbeitende brauchen je zwei Stunden pro Woche für denselben Ablauf. Das sind sechs Stunden pro Woche, bei 48 Arbeitswochen 288 Stunden im Jahr. Bei angenommenen 40 Euro pro Stunde sind das rund 11.500 Euro, für einen einzigen Ablauf.
In einem Betrieb mit 150 Mitarbeitenden kommen solche Abläufe in mehreren Abteilungen zusammen. Die Summe ist erfahrungsgemäß größer, als die Geschäftsführung schätzt, weil jede Abteilung nur ihren eigenen Teil sieht. Wenn Sie die Rechnung für fünf Abläufe machen, sehen Sie, wo sich KI rechnet.
3. Umsetzbarkeit einschätzen
Legen Sie die drei Fragen aus dem vorigen Abschnitt an jeden Kandidaten an. Ganz oben landen die Abläufe mit vielen Stunden und klaren Regeln. Was vorher sonst noch geklärt sein sollte, steht in der Checkliste zu den Voraussetzungen vor dem KI-Start.
Der Mittelstand unterscheidet sich vom Konzern nicht darin, dass weniger Potenzial da wäre, sondern darin, dass weniger Kapazität für diese Analyse da ist. Genau dort setzen wir an: Sie bringen das Wissen über Ihren Betrieb, wir bringen die Struktur. Was wir dafür anbieten, steht unter Leistungen.
Häufige Fragen
Was ist ein KI-Workflow? Ein fest beschriebener Arbeitsablauf, in dem ein KI-Modell einzelne Schritte übernimmt, typischerweise Lesen, Einordnen oder Entwerfen. Reihenfolge, Regeln und Prüfstellen sind vorher festgelegt, und ein Mensch entscheidet dort, wo es darauf ankommt.
Wie sieht ein KI-Workflow im Betrieb konkret aus? Ein Kunde schickt ein Foto vom Typenschild, die KI liest Hersteller und Gerätenummer, der Ablauf ruft die passende Zeichnung auf, und der Mitarbeiter wählt das Teil und antwortet. Die KI nimmt die Suche ab, nicht die Verantwortung.
Was ist der Unterschied zwischen einem KI-Workflow und einem KI-Agenten? Im KI-Workflow ist der Weg vorgegeben. Ein KI-Agent bekommt ein Ziel und wählt die Schritte selbst. Für ein erstes Vorhaben ist der feste Ablauf meist die bessere Wahl, weil er sich leichter prüfen lässt.
Welche Abläufe eignen sich zuerst für KI? Wiederkehrende Abläufe mit erkennbarem Muster, klarem Ziel und zugänglichen Daten, etwa das Vorsortieren von E-Mails, das Erfassen von Belegen oder Standardangebote.
Der nächste Schritt: Unser KI Impact Audit (Report 48 Stunden nach dem Interview) zeigt, welche drei Abläufe in Ihrem Betrieb den schnellsten Nutzen bringen, mit Ihren Zahlen statt mit Beispielrechnungen.
Marc Thiel
Co-Founder · Finance & Business Design
Co-Founder von HanseImpact. Über zwanzig Jahre in Finance und Transformation, davon mehr als zwölf in Konzern-Mandaten bei Volkswagen, CARIAD, Signal Iduna und Otto. Kaufmännische Ausbildung bei der Deutschen Bank, Gastvorlesung an der FH Münster. Berät den DACH-Mittelstand zu KI-Lösungen.
LinkedIn →Verwandte Einblicke
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